March 5, 202000:44:55

Silvia Federici: „Die Migrant*innen suchen den Reichtum, den wir ihnen gestohlen haben“

Silvia Federici ist Aktivistin, feministisch-marxistische Autorin und Professorin. Im Jänner diesen Jahres war sie für eine Lesung über die “unvollendete feministische Revolution” in Wien. Die mosaik-Redakteur*innen Franziska Wallner, Paul Herbinger und Barbara Stefan haben Federici zum Interview getroffen und mit ihr über weibliche Ausbeutung im Kapitalismus, die Transformation von Arbeit sowie globale Widerstandsmomente gesprochen. Das gesamte Gespräch gibt es hier nachzuhören: Silvia Federici, als feministische Marxistin hast du einen beträchtlichen Teil deiner Arbeit der „Reproduktionsarbeit“ gewidmet. Was ist für dich der Unterschied zwischen „produktiver“ und „reproduktiver“ Arbeit und wie wurde das Thema so zentral in deinem Denken? Federici: Das ganze Thema war in der feministischen Bewegung in den 1970er Jahren sehr wichtig. Die Frage war, welche spezifischen Formen von Ausbeutung Frauen erleben. Sehr bald konzentrierte sich die Analyse auf Familie, Sexualität und Hausarbeit – wobei ein Großteil der Arbeit, die Frauen zu Hause verrichten, gar nicht als Arbeit (an)erkannt war. Es wurde ein völlig neues Territorium der Ausbeutung entdeckt, das bis dahin vernachlässigt worden war. Das Spezifische an der Ausbeutung von Frauen ist, dass sie zu dieser speziellen Art von Arbeit verdammt werden und diese Arbeit gleichzeitig so organisiert ist, dass sie unsichtbar, nicht anerkannt und unbezahlt ist. Auf dieser unbezahlten Arbeit von Frauen wurde historisch eine ungeheure Menge an kapitalistischer Akkumulation aufgebaut. Der Kapitalismus hätte nicht so stark von der Ausbeutung der Arbeiter*innen profitiert, wenn er nicht so minimal für die Kosten der Reproduktion bezahlen hätte müssen. Er profitiert also von sehr viel mehr Arbeit als „nur“ von jener des offiziellen Arbeitstags. Daher wurde die Frage nach Reproduktionsarbeit so wichtig. Wir verschoben den Fokus von der Fabrik auf das Zuhause und haben verstanden: Es gibt zwei Arten von Produktion im Kapitalismus, die Produktion von Waren und die Produktion von Arbeiter*innen. Wir können Kapitalismus und den Kampf dagegen nur dann verstehen, wenn wir beide Arten sehen. Wie siehst du den Einfluss der globalen Wirtschaft auf Reproduktionsarbeit und Geschlechterverhältnisse – vor allem wenn man die Änderungen seit den 1970ern berücksichtigt? Welche Schlussfolgerungen ziehst du daraus? Es gab große Veränderungen. Die Basis hat die kapitalistische Expansion gelegt, die mit einem Krieg gegen die Reproduktion begann. Also massive Kürzungen im Sozialwesen und im Gesundheitsbereich, die Enteignung von Millionen Menschen von ihrem Land. Dann kam die Privatisierung durch die sogenannte „Strukturanpassung“. All diese makroökonomischen Entwicklungen, die mit dem Neoliberalismus verbunden sind, sind im Wesentlichen Angriffe auf die Reproduktion. Das ist die Basis, auf der alles andere aufgebaut hat. Auf der einen Seite wurde Reproduktionsarbeit aus dem Zuhause heraus genommen und kommerzialisiert. Auf der anderen Seite machen migrantischen Frauen viel Hausarbeit. Dadurch werden sie aus dem sogenannten „globalen Süden“ vertrieben. „Die bezahlte Hausarbeit existiert. Das heißt die Frage lautet nicht, ob wir jemanden anstellen oder nicht, sondern: Wie organisieren wir gemeinsam Kämpfe?“ Das sind die zwei großen Entwicklungen. Die Konsequenzen sind riesig, viele untersuchen wir noch und versuchen zu verstehen, was sie bedeuten. Die Tatsache, dass so viel Arbeit daheim heutzutage von migrantischen Frauen gemacht wird, hat die feministische Bewegung vor große Probleme gestellt. Es gibt keine Einigkeit darüber, wie man dieser Entwicklung begegnen soll. Viele Feministinnen beziehen sich darauf in einer sehr verkürzten Art und Weise, also: Wir können domestic workers nicht anstellen, weil wir dann Teil der Ausbeutung sind. Es gibt aber auch einen anderen Teil in der feministischen Be...

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