July 17, 202000:25:06

Wie es mit „Black Lives Matter“ in Wien weiter geht

Der 19-jährige Mugtaba Hamoudah war einer der Organisatoren der Wiener „Black Lives Matter“-Demo, bei der Anfang Juni 50.000 Menschen auf die Straße gingen. Im Interview spricht er in unserem Podcast über junge Leute, die Credits verdienen, den politischen Einfluss von Rap und sein Problem mit dem Klimavolksbegehren. Hier findet ihr das Gespräch mit Mugtaba zum Anhören. Geführt hat es Mosaik-Redakteur Mahdi Rahimi. Darunter haben wir es in einer gekürzten Fassung verschriftlicht. Mosaik-Blog: Wie habt ihr es geschafft, dass 50.000 Menschen in Wien auf die Straße gegangen sind? Das Demo war ja nicht von langer Hand geplant. Mugtaba Hamoudah: Ich habe mir das Video angeschaut, in dem George Floyd ermordet wurde und habe zwei Tage nur geheult. Dann habe ich Mireille Ngosso auf Instagram geschrieben, weil ich sie gekannt habe. Sie ist eine von ganz wenigen Schwarzen PolitikerInnen in Wien und seit Jahren anti-rassistisch und feministisch aktiv. Wir haben gemeinsam die Demo organisiert. Das hat, glaube ich, so gut funktioniert, weil es viele Menschen gab, denen es ein Anliegen war. Es gab innerhalb von wenigen Tagen 100 Leute, die uns geholfen haben. Die 50.000 haben sich fast von alleine gefunden. Es war vielen Menschen wichtig. Du hast Mireille Ngosso vorher nicht persönlich gekannt? Genau. Man kennt sie halt. Ich habe sie mit 16 einmal auf eine Demo getroffen, sie angesprochen und dann daheim total stolz erzählt, dass ich sie getroffen habe. Aber wirklich kennen gelernt, haben wir uns erst jetzt. Du hast gesagt, dass sie eine der ganz wenigen Schwarzen PolitikerInnen in Österreich ist. Das betrifft die linke Parteien auch. Warum ist das so? Die Linke ist auf alle Fälle sehr weiß und die Beschäftigung mit gewissen Themen bleibt sehr oberflächlich. Das beste Beispiel sind Männer, die sagen, dass sie Feministen sind. Die tun sehr aufgeklärt, setzen sich mit vielen Fragen aber gar nicht auseinander: Was ist der Gender Pay Gap? Was kann man gegen sexualisierte Gewalt und Übergriffe tun? Das ist bei Anti-Rassismus dasselbe. Viele Leute reflektieren nicht, dass wir alle Rassismen in uns tragen, weil wir in einer rassistischen Gesellschaft sozialisiert worden sind. Das heißt, dass auch in anti-rassistischen, linken Kreisen, Rassismus reproduziert wird. Da braucht es mehr Reflexion und mehr Leute, die persönlich davon betroffen sind. Die Linke sollte nicht so tun, als würde sie die Probleme dieser Menschen kennen, sondern sie für sich selbst sprechen lassen. Reden wir noch einmal über die Demo: Waren es vielleicht auch deswegen so viele Teilnehmer*innen, weil es in den USA passiert ist? Wären so viele Menschen gekommen, wenn bei der Demo österreichischer oder europäischer Rassismus im Vordergrund gestanden wäre? Ich glaube, der Fall von George Floyd hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Einen Menschen zu sehen, wie er acht Minuten ums Überleben kämpft, ist sehr hart. Aber ich glaube auch, dass du recht hast. Im deutschsprachigen Raum sind wir sehr gut darin, sich mit anti-rassistischen Kämpfen auf der ganzen Welt zu solidarisieren, aber mit unserer rassistischen Geschichte setzen wir uns nicht auseinander. Wir vergessen, dass Deutschland Kolonien hatte und wichtige Philosophen der Aufklärung, wie Immanuel Kant, rassistisch waren. Rassismus ist Teil unserer Gesellschaft. Aber es gab anti-rassistische Kämpfe in Österreich. Zum Beispiel als Marcus Omofuma 1999 von der Polizei getötet wurde. Ja, es waren auch bei den Demos jetzt viele Leute auf der Bühne, die damals aktiv waren. Ich war da noch nicht auf der Welt, aber sie haben sich dafür eingesetzt, dass es ein Denkmal für Omofuma geben wird und die Polizisten strafrechtlich verfolgt werden. Das sie jetzt erleben, wie so viele Leute gegen Rassismus protestieren, ist einerseits sicher empowernd. Aber auf der anderen Seite stelle ich mir das auch sehr ermüdend vor.

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